Diese Band wird von Musikhistorikern auf Grund des Zeitpunktes ihres Erscheinens zur NWOBHM gezählt, hatte musikalisch mit jenen „jungen Wilden“, die diesen Sound nachhaltig geprägt haben, nicht viel gemeinsam. Viel eher lässt sich die Musik der von Bassist Gordon Rowley, Keyboarder Kenny Newton und den beiden Gitarristen Eric Percival und Alec Johnson gemeinsam mit Drummer Steve Bartley 1978 gegründeten Truppe, die seit ihrem letzten Comebackversuch anno 2006 erneut existiert, als Mix aus Classic, Symphonic und Prog Rock betrachten. Kurzum, NIGHTWING hatten sich von Anfang an zwischen sämtliche „Stühle“ platziert und sind wohl nicht zuletzt deshalb auch eher ein Geheimtipp geblieben.
Das war natürlich nicht abzusehen, weshalb die erwähnte Mixtur schon auf dem 1980 veröffentlichten, ersten Album „Something In The Air“ auf lässige Manier dargeboten wurde. Der Dreher enthielt mit dem instrumentalen Einstieg ‚Fantasia‘, dem durchaus auch MAGNUM zu jener Phase gut zu Gesichte stehenden Titelsong, sowie dem verspielten ‚Edge Of A Knife‘ (hat durchaus etwas von den eher geradlinig-poppigen YES in den frühen 80ern) mehrere, fein strukturierte Kompositionen, die von einer gelungenen Interpretation von Graham Nashs ‚Barrel Of Pain‘ , dem vergleichsweise rauen ‚Boogie Woman‘ sowie einer eher mediokren Version von ‚You Keep Me Hanging On‘ vervollständigt wurden.
Da man mit dem Debüt zumindest einigermaßen erfolgreich unterwegs gewesen ist, folgte ein Plattendeal bei Gull Records, die Chance beim legendären „Reading Rock Festival“ aufzutreten sowie eine Support-Tour für GILLAN. Keine üblen Voraussetzungen, um mit dem zweiten Album unmittelbar anknüpfen zu können und die Erfolgsstory zu prolongieren. Auf „Black Summer“, das 1982 folgte, zeigte sich jedoch abermals jenes Problem, das NIGHTWING über nahezu die gesamte Bandexistenz verfolgen sollte. Schließlich erweist sich auch das zweite Werk der Briten als überaus faccetten- und abwechslungsreich, der berühmte „rote Faden“ war jedoch vergleichsweise dünn geraten. Die acht von Gitarrist Alec Johnson geschriebenen Tracks können aber nichtsdestotrotz als qualitativ hochwertig betrachtet werden, auch wenn die Truppe immer noch keine Scharen an Fans damit rekrutieren konnte. Dass diese Scheibe in erster Linie auf Grund des auffälligen und rundum gelungenen Covers in Erinnerung blieb, soll die Klasse von würdig gealterten Nummern wie ‚Long Hard Road‘ oder ‚Evil Woman‘ aber nicht schmälern.
Weshalb man sich danach mit dem einige Jahre später als Sänger der „Supergroup“ GTR zu Ehre gekommenen Vokalisten Max Bacon zusammentat, ist leider nicht überliefert. Durchaus denkbar, dass das Label im Jahre 1983 bemüht war, endlich auch kommerzielle Erfolge einzufahren und deshalb die vergleichsweise sanfte Stimme des nahezu unmittelbar danach zu den Melodic-Rockern BRONZ abgewanderten Frontmanns bei der Band bevorzugte.
Das war jedoch keineswegs die einzige Änderung im Bandsound, die an „Stand Up And Be Counted“ auffällt. Wohl um Max‘ Stimmlage entgegenzukommen, wurde auch stilistisch einigermaßen am Bandsound geschraubt. Das hatte zur Folge, dass Album Numero Drei in der Tat jenes mit den erfolgversprechendsten Songs geworden ist. Gleichzeitig hatte sich die Truppe jedoch ein gutes Stück weit vom ursprünglichen Sound entfernt und auf „kommerziellen“ Früh-80er-Hardrock mit reichlich Keyboard-Untermalung von Tastenwizard Kenny Newton gesetzt.
Nicht unähnlich war man auch auf dem vierten Album „My Kingdom Come” zugange, das 1984 nachgereicht wurde und mit einem schmucken Roger Dean-Cover in die Läden kam. Nicht nur auf Grund des Titels des Albumopeners ‚Back On The Streets‘ war die Formation damit näher an in jenen Tagen durchstartenden Künstlern wie Gary Moore - im Endeffekt aber leider niemals ähnlich erfolgreich. Dennoch sollten Exponate wie etwa ‚Night Of Mystery‘ ‚The Devil Walks Behind You‘ sowie das gelungene Cover von Steve Hacketts ‚Cell 151‘ als zeitlose Ohrwürmer in Erinnerung bleiben.
Auch live funktionierten die erwähnten Nummern ganz vorzüglich, weshalb nur knappe zwölf Monate danach das erste (und bis heute einzige) Live-Album veröffentlicht wurde. „A Night Of Mystery – Alive, Alive!“ wurde während der Tournee im Sommer 1984 in Deutschland und Jugoslawien aufgenommen und sollte für Sänger Dave Evans (nein, nicht der allererste AC/DC-Fronter) und Glynn Porrino den Band-Einstand markieren. Zwar sollten die beiden nicht allzu lange im Line-Up verbleiben, da nach einem weiteren Dreher 1987 zunächst einmal Schicht im Schacht gewesen ist, die Tatsache, dass sie eine qualitativ ertragreiche Ära von NIGHTWING sehr wohl mitgeprägt haben, ändert das aber nichts.
Da sich HNE Records um eine Neuauflage des Frühwerks der Band gekümmert haben, gibt es ab sofort die erwähnten vier Studioalben sowie die Live-Scheibe als 5-fach CD-Box mit dem Titel „Long Hard Road 1980 – 1985“ zu erwerben. Für das Booklet hat der britische Rockjournalist Rich Davenport ausführliche Linernotes verfasst, und zudem gibt es Auszüge seiner Gespräche mit Gordon Rowley zu lesen, der die frühen Bandjahre sehr detailreich erläutert.
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