W.E.T.

Herrscher über das Chaos

Erik Martensson - das "E" im Bandnamen - erzählt uns das Wichtigste zum neuen Album und vieles mehr

Was zunächst nach einem kurzlebigen Projekt ausgesehen hatte und ohne die entsprechende Intention des Labels wohl niemals entstanden wäre, hat sich im Laufe der Zeit zu einer überaus ambitioniert betriebenen Band entwickelt. Zu einer von Fans wie Presse gleichermaßen respektierten und zudem auch erfolgreichen noch dazu. Nicht zuletzt deshalb dürfte eine Fortsetzung der Geschichte für alle Beteiligten auch recht rasch außer Frage gestanden sein.

Die Rede ist von W.E.T., einer vor mittlerweile etwas mehr als zehn Jahren ins Leben gerufenen Musiker-Kooperation, die sich mit "Retransmission" (Frontiers Music s.r.l. / Soulfood) erneut ein ganz feines Gerät aus den Ärmeln geschüttelt hat und damit dem vor nur knapp zwei Jahren in die Umlaufbahn katapultierten letzten Melodic-Wundertütchen "Earthrage" einen adäquaten Archiv-Nachbarn zur Seite stellt.

Wie es die Herrschaften trotz permanenter Vielbeschäftigung schaffen die Band nicht zu vernachlässigen, erzählte uns Erik Martensson - das "E" im Bandnamen - am Telefon:

Auch wenn wir längst wissen, dass ihr selbst W.E.T. als Band betrachtet und auch so arbeitet, suggeriert der Name des Unternehmens immer noch einen gewissen Projekt-Charakter. Hast Du eine Idee, woran das liegen kann?

Naja, wahrscheinlich wurde es von Anfang an nicht ausreichend kommuniziert. Schließlich war es zu Beginn tatsächlich noch so. Daran ändert noch nicht einmal die Tatsache etwas, dass Robert (Säll, das "W", auf Grund seiner Band WORK OF ART) und ich uns eigentlich schon seit der Grundschule kennen und schon lange Zeit die Idee hatten gemeinsam eine Band auf die Beine zu stellen. Im Laufe der Zeit wird sich aber auch dieses Thema erledigen. Zumindest sehen wir das so und immerhin haben wir – im Vergleich zu diversen anderen „Projekt-Bands“ nicht wirklich lange gebraucht ehe wir "Earthrage" ein weiteres Album nachfolgen haben lassen.

Woran siehst du denn die grundlegenden Unterschiede zwischen "Retransmission" und den drei Scheiben davor? Meiner Meinung nach klingt euer aktueller Stoff irgendwie amerikanischer, wenn Du verstehst, was ich meine?

Das kann man auf jeden Fall so stehen lassen. Jeff (Scott Soto, das "T" von W.E.T., das noch auf seine Zeit bei Talisman zurückzuführen ist) wird sich darüber riesig freuen, schließlich hat er sich mehr denn je am Songwriting beteiligt. Sein Beitrag zur Band geht längst über den Gesang hinaus. Zudem sei zur vorherigen Frage noch erwähnt, dass es Jeff gewesen ist, der uns erst so richtig darauf hingewiesen hat, dass W.E.T. weit mehr ist als nur ein Projekt.

An den Arbeiten zu unserem Debüt war er schließlich erst ab jenem Zeitpunkt beteiligt, als es daran ging die Scheibe einzusingen. Er war schwer von den Nummern beeindruckt, die wir ihm zukommen haben lassen und eine seiner ersten Reaktionen darauf war, dass sich die Sache keineswegs nach einer von einem Label zusammengewürfelten Projekt-Formation anhört, sondern nach einer von Grund auf zusammengewachsenen Band!

In wie fern hat sich Jeff denn an "Retransmission" stärker eingebracht?

Wie schon gesagt, waren es zunächst nur die Gesangsspuren, die Jeff eingesungen hat. Das ist aber längst Geschichte, denn mittlerweile hat er gut ein Drittel des Songmaterial beigesteuert. Jeff’s Anteil ist in der Tat der wohl größte Unterschied zu unseren früheren Alben. Denn auch für die Texte waren zu Beginn ausnahmslos Robert und ich zuständig. Dieses Mal jedoch hat er an Songstrukturen, Gesangsmelodien und auch an den Texten in seinem Studio in L.A. gearbeitet.

Das bedeutet dann wohl auch, dass sich die momentane Pandemie gar nicht so dramatisch auf Euch ausgewirkt hat, oder?

Auf "Retransmission" so gut wie gar nicht, weil wir im Prinzip schon fast fertig waren als die Sache so richtig kritisch wurde. Und weil ja Jeff ohnehin von L.A. aus arbeitet, gab es auch kein Problem mit etwaigen Reisebestimmungen. Auf uns persönlich hatte und hat die Geschichte aber logischerweise sehr wohl Auswirkung. An Konzerte etwa ist bekanntlich nicht einmal zu denken.

Davon sind leider alle Bands betroffen. Allerdings lässt sich feststellen, dass stattdessen umso mehr Veröffentlichungen auf der Agenda stehen. Das ist wohl kein Zufall?

Ganz sicher nicht. Aber klar, Bands wollen und müssen ihren Fans schließlich etwas bieten. Auch das ECLIPSE-Live-Album wäre anders ausgefallen, hätte es keine verordnete Quarantäne gegeben.

Nicht nur Du hattest mit ECLIPSE und dem Thema „Albumveröffentlichung“ zuletzt einiges um die Ohren, auch Jeff geht zeitgleich mit der Veröffentlichung von "Retransmission" mit einem neuen Solo-Album an den Start. Da muss doch Frage gestellt werden, ob ihr bei W.E.T. besonderen Wert auf das Zeitmanagement legt?

Ja, das könnte man denken. Wahrscheinlich wäre es auch besser, wenn wir so etwas tatsächlich hätten. Aber die Wahrheit ist, dass zumindest ich das denkbar schlechteste Zeitmanagement überhaupt habe, dass es gibt. Nämlich gar keines, haha.

Doch bisher habe ich es dennoch noch immer geschafft, alles zeitgerecht zu liefern, egal worum es gegangen ist. Für andere Menschen mag meine Herangehensweise chaotisch wirken, das will ich auch gar nicht bestreiten, doch für mich zählt in erster Linie die Deadline. Das heißt, ich will mich nicht durch Termine festlegen, wann ich etwas tue, sondern lasse die Geschichte einfach auf mich zukommen und habe bloß ein Auge darauf, bis wann ich was an wen zu liefern habe. Mitunter herrscht deshalb Chaos, aber solange ich es beherrschen kann, ist alles gut.

Ich stelle mir das ein wenig stressig vor, zumal zwar die Deadlines bekannt sind, Du aber wohl nicht vorhersagen kannst, zu welchem deiner Unternehmen der jeweilige Song oder Text nun am besten passt, oder doch?

Das wiederum ist überhaupt kein Problem. Abgesehen vom Zeit-Faktor, der mir einfach nicht so essenziell erscheint, arbeite ich nämlich sehr wohl fokussiert und zielorientiert. Das bedeutet, dass ich mich immer ausschließlich auf das jeweilige Projekt konzentriere und alles andere ins Hintertreffen gelangt. Konkret heißt das, dass ich versuche während des Entstehungsprozesses eines W.E.T.-Albums sämtliche anderen Betätigungsfelder so gut wie möglich auszublenden. Dadurch vermeide ich eventuelle Gewissenskonflikte. Gedanken, ob etwa eine Melodie nicht vielleicht doch bei einer anderen Band, oder auf einem anderen Album besser untergebracht wäre, gibt es bei mir nicht.

Arbeiten deine Band-Kollegen denn auch so? Wenn nicht, sind interne Diskrepanzen wohl vorprogrammiert…………

Nein! Noch nicht einmal, weil Jeff eine völlig andere Arbeitsweise an den Tag legt. Manchmal wünschte ich, ich wär‘ nur annähernd so organisiert wie er. Wenn man sich zum Thema Zeitmanagement mit einem Musiker unterhalten möchte, ist er wohl der perfekte Ansprechpartner. Wahrscheinlich ist das aber einfach notwendig, denn sein Betätigungsfeld ist noch viel größer als meines. Für W.E.T. ist das aber alles kein Thema, denn allein auf Grund der geographischen Distanz muss sich Jeff ohnehin anders organisieren als wir das tun.

Für Robert, der mein erster Kooperationspartner in der Band ist, war meine Arbeitsweise bislang noch nie ein Problem. Und auch für die anderen Jungs in der Band nicht, obwohl man ja auch nicht unbedingt behaupten kann, dass sie zur Gattung der unterbeschäftigten Zeitgenossen zählen würden und nur darauf warten würden für W.E.T. etwas beizutragen.

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